Sind menschenähnliche Roboter die perfekten Altenpfleger?

Manja Unger-Büttner (www.designethik.de) ist Diplom-Designerin, Philosophin, Literatur-und Kulturwissenschaftlerin und Stipendiatin einer ESF-Landesinnovationspromotion. Sie arbeitet am Lehrstuhl für Technik-Philosophie der Universität Dresden und beschäftigt sich seit Jahren mit den ethischen Fragen, die technische Entwicklungen aufwerfen. Zum Beispiel die Frage, welche technischen Innovationen für ältere Menschen wirklich ein Gewinn sind – und an welcher Stelle die Erfinder mit den Millionen von Forschungsgeldern, die Ihnen zur Verfügung stehen, über das Ziel hinausschießen und mit ihren Erfindungen Vorurteile über Ältere untermauern, sie bevormunden oder sogar entmündigen.

Manja Unger Büttner_webLiebe Frau Unger-Büttner, von Ihnen stammt der schöne Satz: „Nur weil ich heute mit meinen Händen den Staubsauger durchs Zimmer zerre, brauche ich doch keinen zweibeinigen Blechmann, der dasselbe für mich tut.“ Damit kritisierten Sie ein wenig die Tendenz der Techniker, Roboter-Innovationen immer wieder ein möglichst menschliches Aussehen zu geben. Warum?

Manja Unger-Büttner: Dieser Satz kann verdeutlichen, worin die Krux vieler Ideen und Erwartungen rund um die Unterstützung älterer Menschen in ihrem Alltag durch Technik, des so genannten Ambient Assisted Living, liegt: Die gewohnten elektronischen Helferlein und dazu noch völlig neue Ideen sollten am besten in einen menschenähnlichen Roboter integriert oder mit einem solchen vernetzt werden und das Leben wird schön. Dieser Roboter soll freilich auch das Bier aus dem – ganz herkömmlichen – Kühlschrank holen und die Spülmaschine einräumen. Dabei sagt der derzeitige Sammelbegriff für das Forschen für die alternde Gesellschaft es schon ganz treffend aus: Die Umgebung soll uns beim Leben und Wohnen assistieren – und nicht, dass die technischen Assistenten die alte Umgebung so bedienen sollen, wie wir es bisher selbst getan haben. Es muss also nicht zwingend ein mobiler Roboter mit Kopf und Klimperaugen sein.

Unter Umständen verhindert dieses Bild in unseren Köpfen von einer elektronisch basierten Zukunft mit möglichst menschenähnlichen Artefakten sogar die wirklichen Innovationen.

? Was fänden Sie denn dann wirklich innovativ?

Manja Unger-Büttner: Es gibt bereits ganz bewusst von der Menschenähnlichkeit wegführende Gestaltungsansätze für mobile Roboter in der Altenpflege. So vermittelt der Transportroboter Casero uns ganz direkt die Information: Ich kann Wäschekörbe und ähnlich große sperrige Gegenstände für Dich transportieren. Er sieht ein wenig aus wie ein Design-Gabelstapler. Hier wird nicht versucht, einen Butler zu simulieren. Der Designer Philippe Starck forderte schon 1995 „Wärme – aber ohne Heizkörper, Kälte, doch kein Kühlschrank.“ Solche Änderungen der Perspektive können die Kreativität mobilisieren.

Auch Automatik-Autos oder Servolenkungen sind technischen Entwicklungen, die auch unter dem Aspekt der demografischen Entwicklung interessant sind. Aber sie sind weiter gedacht, weil das Dinge sind, die auch allen anderen Menschen einige Mühen abnehmen. Gut funktionierende Hörgeräte, aber auch Badewannen-Lifte finde ich ebenfalls wirklich gelungene Innovationen, weil sie grundlegenden Bedürfnissen und der Teilhabe entgegenkommen.

? Aber wäre es nicht doch nett, wenn man mit 90 eine Art Butler bei sich zu Hause hätte, der zumindest entfernt an einen Menschen erinnert?

Manja-Unger-Büttner: Wäre es nicht noch viel netter, mit Freunden oder der Familie, mit Menschen  verschiedenster Generationen oder z.B. gleicher Interessen und Denkweisen, locker oder auch enger zusammenleben zu können, anstatt sich mit einem noch so „sozial“ programmierten Roboter unterhalten zu müssen?

Natürlich ist es ein erhebendes Gefühl, einem gut gemachten Androiden gegenüberzustehen; zu erkennen, was menschliche Intelligenz heute hervorbringen kann. Auch ist man froh, dass z. B. die Medizintechnik heute so ausgefeilt ist und komplizierte chirurgische Eingriffe roboterunterstützt verlaufen und somit helfen können, Leben zu erhalten.

Einsamkeit im Alter und eine gewisse gesellschaftliche Abwertung des Alterns und der Pflege älterer oder behinderter Menschen entspringen aber dem menschlichen Denken und so sollte ihnen in erster Linie auch über das Denken entgegengewirkt werden. Wenn die speziellen Bedürfnisse Älterer oder Behinderter nur als ein Fehlen bestimmter Fähigkeiten interpretiert werden (man denke an ganz alltägliche Sätze wie „… der Opa kann sich nicht mal mehr alleine anziehen“), könnten die wirklichen Kompetenzen und der Wert des jeweiligen Menschen aus dem Blickfeld geraten. Und so kann der Umstand, dass manchem z. B. beim Anziehen geholfen werden muss, eine gewisse negative Färbung bekommen.

Tätigkeiten, die als negativ bewertet werden, versuchen wir uns und unseren Mitmenschen gerne zu ersparen, der demografische Wandel tut sein Übriges dazu. Was liegt dann näher, als die Pflege von Robotern übernehmen zu lassen? Dass aber die zwischenmenschliche Begegnung z. B. beim Anziehen und Waschen auch eine ganz wichtige für die zu Pflegenden und auch für die Beziehung zum Pflegenden sein kann, wird etwas wenig diskutiert. Allerdings werden bereits die speziellen Kompetenzen, der ganzheitliche Blick von Pflegenden gegen die Idee spezieller Pflegeroboter ins Feld geführt. Auch hier kann also eine bewusstere Perspektive auf die zugrundeliegenden Begriffe und Denkweisen neue Ansichten und Lösungen mit sich bringen.

? Welche technische Erfindung schätzen Sie als Mutter von zwei Kindern, Philosophin und viel beschäftigte Frau am meisten?

Manja Unger-Büttner: Das Internet.
In der Benutzung macht mir mein kleiner Handstaubsauger richtig Spaß und nötig ist er noch dazu, weil Kinder gerne krümeln und meine Norwegischen Waldkatzen überall haarige Zeichen hinterlassen…

Hätten Sie es gewusst?

Ein Blick in die Geschichte der menschenähnlichen Roboter von Manja Unger-Büttner:

Seit Ewigkeiten versucht der Mensch (oder sollte man sagen der Mann?), künstliche Menschen bzw. sein Ebenbild zu erschaffen. Dessen Schicksal könnte er dann endlich einmal völlig selbst in der Hand haben, wie Daniel Ichbiah in seinem großen Buch über die Roboter es so schön formuliert hatte. In der griechischen Mythologie versucht sich der Schmiede- und Feuergott Hephaistos an menschenähnlichen Maschinenwesen, in der Antike sollten Automaten die Menschen unterhalten (die Arbeit wurde ja von den Sklaven erledigt, daher gab es in diese Richtung wenig Ambition). Im 18. Jahrhundert baute der französische Erfinder Jacques de Vaucanson einen vollautomatischen Webstuhl, aber auch einen menschenähnlichen automatischen Flötenspieler.

Man sollte meinen, dieses Stadium müsste langsam überwunden sein. Aber Ansätze, Robotern das „Lernen“ beizubringen, haben – scheinen einen neuen Schub in Richtung Menschenähnlichkeit bewirkt zu haben. So wird seit kurzem z. B. an einer Art Baby-Roboter geforscht, der nach und nach das Erkennen und Greifen und Kombinieren lernen soll. Warum das „Kindchen“ dann nicht auch gleich in eine kleinkindähnliche Form gießen? So kann es ja noch besser die menschlichen Lernvorgänge simulieren. Aber mehr als eine Simulation wird es aus Sicht der Technikphilosophie eben auch nicht werden. Was er dabei „lernt“ wird etwas vom Menschen völlig Verschiedenes sein, trotz seiner Ärmchen und Beinchen, seiner zwei Augen und einem Kopf, den der ICub, auf den ich hier anspiele, so herzzerreißend niedlich neigen und drehen kann.

Man kann sich dem Charme dieser humanoiden Roboter kaum entziehen, besonders wenn sie das Kindchenschema bedienen. Genau dieser Umstand, dass Menschen, manchmal gänzlich unbewusst, eine Beziehung zu Gegenständen aufbauen, die auch nur entfernt an Menschen oder ein Gesicht oder ein Tier erinnern, wird letztendlich auch zur Absatzsteigerung eingesetzt. In der Robotik-Forschung ist ein wichtiges Stichwort die Akzeptanz. Wenn ein humanoider Roboter allerdings extrem menschenähnlich aussieht und dann z. B. durch seine Bewegungen seine Künstlichkeit verrät, stürzt die Akzeptanz seitens der Nutzer plötzlich ins Bodenlose. In der Forschung heißt dies das „unheimliche Tal“ – „uncanny valley“. Solche Roboter gruseln uns eher. In Japan ist die Ausgangslage kulturell bedingt eine etwas andere.

Noch mehr zum Thema lesen?

Im PM Magazin finden Sie meinen Artikel „Haben Maschinen doch eine Seele?“ bei der Recherche ich die Technik-Philosophin Manja Unger-Büttner kennen lernte.

Hier geht’s lang: http://www.pm-magazin.de/r/technik/haben-maschinen-doch-eine-seele

5 Antworten zu Sind menschenähnliche Roboter die perfekten Altenpfleger?

  1. […] bei Notfällen zuhause schnell Hilfe kontaktiert wird, arbeiten Forscher an der Entwicklung eines Pflegeroboters, den sie “Hobbit” getauft haben. Dieser erkennt nicht nur Stürze, sondern weiß auch […]

  2. Liebe Erfinder,
    eine spannende Entwicklung, der Hobbit. Ich bin gespannt, wie lange es zur Marktreife braucht. Die Multifunktionalität finde ich toll – aber ich würde mir wünschen, dass die „Akzeptanz“ letztlich anders hergestellt wird als über die vermenschlichende Schiene. Von meiner Seite aus könnte die „Blechbüchse“ Hobbit ruhig Blechbüchse bleiben und müsste mir nicht irgendwie gefühlig begegnen – wenn ich das Gefühl habe, sie ist cool und wirklich nützlich, würde das meine Akzeptanz absolut fördern. Und ich denke, dass es vielen Menschen so geht.

    Herzliche Grüße und die besten Wünsche für den erfinderischen Erfolg!
    Ihre
    Carola Kleinschmidt

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