Tante Rie. Oder: Man ist nie zu alt, um jung zu sein

Was macht es aus, jung zu sein? Was kennzeichnet das Ältersein? Wir haben viele Bilder im Kopf. Doch immer wieder begegnen einem Menschen, die diese Vorstellungen auf den Kopf stellen. Interessanterweise sind es oft diese Menschen, die sich nicht an die Vorgaben halten, die uns besonders beeindrucken, vielleicht sogar fürs Leben prägen. Cornelia Eybisch-Klimpel, Psychologin und Coach in Berlin (http://www.meinroterfaden.de) hatte so eine Tante, Tante Rie. Netterweise darf ich hier von ihr berichten:

„Tante Rie war eine sehr lustige Frau, die mit 65 von hinten noch aussah wie eine junge Frau („und auch so mit dem Hintern wackeln konnte“, wie mein Vater gerne und grinsend erklärte). Sie hatte schulterlanges schwarzes Haar und immer schlohweiße Ansätze – außer es war grad eine Silberhochzeit oder der Bruder aus Neuseeland kam zu Besuch. Tante Rie hatte immer viel Besuch, viele (auch junge, auch männliche) Freunde und viele Katzen. Sie spielte Chopin auf dem Klavier, Theaterrollen (darunter eine Nonne und eine Puffmutter),  im Wohnzimmer und auf der Bühne, dichtete in ihrer Hängematte über den Himmel und die Wolken. Auf dem Weg zum Einkaufen registrierte sie jeden neuen Blumentopf in den Fenstern ihrer Nachbarn und kommentierte mit Spott und Anerkennung jede Veränderung auf der Straße.

Sie ging mit mir am Kanal spazieren und erzählte mir die neuesten Geschichten aus der holländischen Königsfamilie (von der starken Autorität der Königin Beatrix und wie sie schwierige Situationen meistert) und die alten Geschichten aus unserer eigenen (auch von ihrem Angst einflößenden Vater). Sie grüßte fast jeden und blieb ziemlich oft stehen – auch um sich mit Wildfremden über dies und das, den Hund, die Katze und das Leben auf dem Hausboot im Winter zu unterhalten. Sie zeigte mir bunte Blätter und suchte Figuren in den Wolken. Und wenn sie mit mir auf dem Gepäckträger auf  dem Fahrrad den „Swaarte Pad“ entlang schaukelte, dann sang sie mir was vor.

Mit ihrem Mann Henk schimpfte sie soviel wie sie mit ihm lachte. Und er schaffte es oft, sie mit einer Grimasse oder einem Blick aus ihrem Ärger zu holen und zum Lachen zu bringen. Ich bin sicher, die beiden hatten bis ins hohe Alter Sex. Denn manchmal, wenn ich morgens zu ihnen wollte, war die Schlafzimmertür verschlossen – und das war so was Ungewöhnliches in diesem Haus, dass es dafür einen triftigen Grund geben musste.

Wenn sie uns in unserem pfälzischen Kaff besuchen kam, drehten sich die Leute in der Stadt und in der Kirche nach ihr um – Tante Rie trug gerne bunte Kleider mit Blümchen – und wahrscheinlich zerrissen sie sich auch das Maul. Dass eine Frau über 60 (bzw. 70) ihre Haare lang und die Kleider junger Frauen tragen kann, das hatte man hier noch nicht gesehen, das wusste man noch nicht, dass das geht. Sie scherte sich nicht um Geschwätz, sie lachte über die die dumpfen „Moffekoppe“ – aber noch lieber lachte sie mit ihnen. Und wenn ihr der Spaziergang durch unser Städtchen zu langweilig wurde, dann setzte sie sich bei meiner Mutter aufs Mofa und ließ sich lachend heim fahren. Oder zum Brombeerpflücken in den Wald.

Ich weiß gar nicht, ob Tante Rie eine Ausbildung hatte, welche Schulbildung? Aber ihre Kinder haben studiert und akademische Lauf bahnen genommen. Sie hat sie neugierig gemacht aufs Leben, sie hat ihnen Lust gemacht, dran teilzunehmen. Ich glaube, dass der liebevoll ausgesuchte Kitsch, den sie auf Kaminsims und Fensterbank ausstellte in mir zumindest einen Sinn für Poesie angelegt hat. Und eine Ahnung von der Kraft des Humors.

Sie muss ungefähr Mitte 40 gewesen sein, als einer ihrer Söhne auf seiner Abitursfeier ums Leben kam. Man erzählt, er sei mit dem Kopf auf eine Herdplatte gefallen und sie hätte ihn am nächsten Morgen tot im Bett gefunden. Die Polizei war im Haus und es war auch von einem Mordverdacht die Rede. Der Schock und die Trauer müssen sie beinahe umgebracht haben. Wie hält man so was aus? Tante Rie fing an, Theater zu spielen. Vielleicht war es die Möglichkeit für eine kurze Zeit eine andere in einem anderen Leben sein zu dürfen, die sie gerettet hat. Und die neuen Freunde, die sie dort fand.

Tante Rie war übrigens chronisch pleite. Immer war die Miete zu hoch und die Rente zu wenig. Aber sie war keine arme Frau. Sie machte das Beste draus. Sie fuhr Rad statt Auto, säte die Blumen und klaute den Flieder. Bei Tante Rie war immer etwas los.“

Höchstwahrscheinlich werde ich persönlich auch im Alter keine Blümchenkleider tragen oder Mofa fahren. Aber Tante Rie hat mir noch einmal deutlich gezeigt, dass man offensichtlich und vor allem eine gute Portion Mut und Eigensinn braucht, wenn man auch jenseits der 60 „man selbst“ bleiben möchte, statt sich den Konventionen und Vorstellungen zu fügen, wie man sein sollte, aussehen sollte und was man tun sollte – wenn man älter wird. Ich werde mir eine Scheibe abschneiden, meinen Mut zusammensammeln und mich doch noch nach einem Kurs für Tanztheater umschauen. Für den hielt ich mich bisher für zu alt …

2 Antworten zu Tante Rie. Oder: Man ist nie zu alt, um jung zu sein

  1. Tja, auch wenn Tante Rie wirklich außergewöhnlich war (wohl nicht nur für ihr Alter), so würde ich mir wünschen, dass sich viele „Ältere“ (und Jüngere) davon ein Scheibchen abschneiden würden. Nur zu oft bestimmt Isolation, Niedergeschlagenheit (Depression) und Langeweile den Alltag. Das wird in einer Metropole wie Berlin besonders deutlich. Und obwohl die einzelnen Bezirke und die verschiedensten Einrichtungen viel anbieten – es erreicht die meisten nicht…

  2. Ja, lieber Stephan, lass uns ein Scheibchen abschneiden! Hau dich in die Hängematte und dichte. Man kann nicht früh genug damit anfangen! Und dann: lies irgendwem deine Dichtung vor. Das hilft bestimmt. Gegen Isolation, gegen Langeweile, gegen Depression und gegen Alltag. Gute Nacht😉

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